Sie ist rätselhaft und viel älter als er… und sie wird seine erste Leidenschaft. Eines Tages ist Hanna (Kate Winslet) spurlos verschwunden. Erst Jahre später trifft Michael (David Kross / Ralph Fiennes) sie wieder - als Angeklagte im Gerichtssaal. Hier erfährt er von ihrem persönlichen Schicksal und von ihrer grausamen Vergangenheit als KZ-Aufseherin. Am Ende wird er sie durch seine nie verloren gegangene Zuneigung erlösen…
Der 15jährige Michael (DAVID KROSS) wächst in einer deutschen Provinzstadt auf. Es sind die 50er Jahre. Der Schatten des 2. Weltkriegs und der deutschen Greueltaten liegt über dem Land, doch kaum einer spricht darüber. Deutschland will in die Normalität zurückkehren. So wie in Michaels Familie Disziplin und Duldsamkeit die höchsten Werte sind, so funktioniert ganz Deutschland. Es wird gearbeitet und verdrängt.
Eines Tages, als Michael von der Schule in der Straßenbahn nach Hause fährt, wird ihm plötzlich übel. Schwindelig steigt er auf halber Strecke aus, torkelt in einen Hauseingang und übergibt sich dort. Eine Frau (KATE WINSLET) kümmert sich um ihn und bringt ihn nach Hause. Sie ist wortkarg, ein wenig ruppig fast, und dennoch fürsorglich. Es stellt sich heraus, dass Michael Scharlach hat. Mehrere Monate muss der Junge das Bett hüten, bis er sich mit einem Blumenstrauß bei seiner Helferin bedanken kann. Fast magisch wird er von der unbekannten Frau angezogen. Bei diesem zweiten Zusammentreffen knistert es zwischen Michael und der deutlich älteren Frau. Fast täglich besucht Michael nach der Schule nun Hanna und es entfesselt sich eine leidenschaftliche Affäre. Für Michael ist es seine erste Liebe. Und auch wenn Hanna sich um eine emotionale Distanz bemüht und ihren jungen Liebhaber beharrlich bloß "Junge" nennt, wird schnell deutlich, dass auch sie sich aufrichtig verliebt hat.
Einen Sommer lang währt Michaels und Hannas unbeschwertes Glück. Hanna
überrascht Michael mit einer unerwartet großen Leidenschaft für Bücher. Sie
lässt sich von Michael vorlesen. Stundenlang. Von Homers "Odyssee" über D. H.
Lawrences "Lady Chatterleys Liebhaber" bis zu Tim und Struppi-Comics. Michael
entdeckt nicht, dass Hanna Analphabetin ist. Er glaubt, sie genieße es bloß,
vorgelesen zu bekommen.
Eines Tages jedoch ist Hanna spurlos verschwunden.
Ihre Wohnung ist leer. Es gibt keine Nachricht von ihr, keine Erklärung. Michael
ist plötzlich wieder allein.
Einige Jahre später. Michael hat die
provinzielle Enge hinter sich gelassen und hat Jura in Berlin studiert. Mit
einer Arbeitsgruppe seines Professors (BRUNO GANZ) besucht Michael als Zuschauer
einen Prozess, in dem sich fünf ehemalige Wärterinnen des KZs Auschwitz für ihre
Taten verantworten müssen. Ihnen wird 300facher Mord vorgeworfen, da sie
jüdische Häftlinge in einer verschlossenen Kirche erbarmungslos verbrennen
ließen. Michael erstarrt, als er sieht, wer mit auf der Anklagebank sitzt: Hanna
Schmitz, die Liebe seines Lebens!
Als Michael den Aussagen der einzigen
Überlebenden (LENA OLIN) und ihrer Tochter (ALEXANDRA MARIA LARA) zuhört, kann
er es nicht fassen. Als er dann Hannas erschreckend pragmatische und kühle
Schilderung der Vorgänge hört, bricht ihm das Herz. Hanna scheint sich keiner
Schuld bewusst. Sie hat einfach nur getan, was man ihr sagte. Sie wirkt völlig
erschöpft, gefühllos, aufrichtig ahnungslos, was für eine unfassbare Schuld sie
auf sich geladen hat.
Für die Menschen im Gerichtssaal ist Hanna Schmitz ein
Monster. Doch Michael ist hin- und hergerissen zwischen seiner Abscheu und
seinem Entsetzen über Hannas Taten und die große Liebe, die er einst für diese
Frau empfunden hat - und scheinbar immer noch fühlt. Dann nimmt der Prozess eine
Wendung, die Michael endgültig aus der Bahn wirft: Während alle anderen
Angeklagten die Taten leugnen, gibt Hanna ehrlich Auskunft über die furchtbaren
Ereignisse. Die vier anderen angeklagten ehemaligen KZ-Wärterinnen beschuldigen
Hanna nun, die befehlshabende Wärterin gewesen zu sein und somit die Hauptschuld
zu tragen. Hanna soll es gewesen sein, die ein besonders belastendes Dokument
geschrieben hat. Als der Richter (BURKHART KLAUßNER) Hanna mit dem Vorwurf
konfrontiert und eine Schriftprobe von ihr verlangt, gerät sie in Panik. Das ist
der Moment in dem Michael die Augen aufgehen: Hanna ist Analphabetin. Und sie
schämt sich so sehr dafür, dass sie nach kurzem Zögern alle Schuld auf sich
nimmt. Ihre Mit-Angeklagten kommen somit als Beihelferinnen mit etwas mehr als
vier Jahren Haft davon, während Hanna zu Lebenslänglich verurteilt wird. Michael
steht unter Schock. Einen Besuchstermin bei Hanna im Gefängnis, den er beantragt
hat, lässt er im letzten Moment verstreichen.
Einzig Professor Rohl ahnt,
dass hinter Michaels Verhalten mehr stecken muss, als die bloße Erschütterung
über die im Prozess beschrieben Taten.
Die Erinnerung an Hanna und seine
ambivalenten Gefühle ihr gegenüber verfolgen Michael über viele Jahre. Sie sind
schmerzlich und überschatten all seine Beziehungen zu anderen Menschen. Um sich
Klarheit zu verschaffen, besucht Michael die Gedenkstätte in Auschwitz und
versucht sich vor Augen zu führen, was die Frau, die er liebte, hier getan hat.
Für Michael führt kein Weg zurück. Und doch empfindet er noch immer so viel
Liebe für Hanna, dass er ihr einen Kassettenrekorder ins Gefängnis schickt und
auch regelmäßig Kassetten, auf denen er ihr ganze Bücher vorliest. Hanna findet
darin Halt. Allmählich beginnt die gealterte Frau sich anhand der Kassetten und
der entsprechenden Bücher aus der Gefängnisbibliothek Lesen und Schreiben
beizubringen. Nach Jahren schreibt sie Michael einen ersten kurzen Brief. Er
antwortet ihr nicht. Auch auf keinen der weiteren Briefe.
Eines Tages bekommt
Michael einen Anruf aus dem Gefängnis. Eine Sozialarbeiterin teilt ihm mit, dass
Hanna nach über 20 Jahren entlassen wird. Er sei ihr einziger Kontakt zur
Außenwelt. Wenn er ihr nicht hilft, eine Wohnung und eine Arbeit zu finden und
in der ihr fremden Welt zurecht zu kommen, hat sie keine reelle Chance auf einen
Neubeginn in Freiheit. Michael fühlt den alten Konflikt in sich. Dennoch besucht
er Hanna im Gefängnis. Es ist ein Zusammentreffen nach über 30 Jahren, vor dem
beide sich fürchten. Für beide wird das Wiedersehen zu einer Begegnung mit
unerwarteten Konsequenzen...
Schon die in 40 Sprachen übersetzt literarische Vorlage von Bernhard Schlink war
ein internationaler Bestseller. Unter dieser und der Voraussetzung, dass sich
ein sehr erfahrenes Produktionsteam zusammen fand, konnte mit der Verfilmung
eigentlich nicht viel schief gehen. Allein Schulklassen dürften die Kinosäle zur
Hälfte füllen. Kate Winslet ("Heavenly Creatures", "Titanic", "Iris") und Ralph
Fiennes ("Der englische Patient", "Spider", "Der ewige Gärtner") sind ebenso
Publikumsmagneten und Garanten für anspruchsvolles Kino wie es die, mittlerweile
über Deutschland hinaus bekannten, überwiegend deutschen Darsteller des Filmes
(u. a. Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara und Karoline Herfurth) sind. Allen voran
überzeugen vor allem eine phantastisch mutig spielende Kate Winslet, und der
gerade mal volljährige David Kross, der schon durch "Knallhart" und "Krabat" von
seinem Talent überzeugen konnte. "Der Vorleser" ist eine tiefgründige
Geschichte, die von Regisseur Stephen Daldry ("Billy Elliot - I Will Dance",
"The Hours") mit reichlich Feingespür umgesetzt wurde. Nicht nur die Perspektive
ist interessant, sondern auch der Fakt, dass es Daldry hervorragend gelingt,
einen emotionsreichen Film über mehrere Generationen abzulegen, der bewusst kein
pures Holocaust-Drama ist oder sein will. Im Zentrum stehen einerseits die
altbekannte Schuldfrage, andererseits aber auch die Problematiken, mit denen die
Nachkriegsgeneration leben muss. Beispielsweise die Frage, ob der das Grauen vor
den Taten der eigenen Eltern von den Kindern hingenommen oder hinterfragt werden
sollte. "Der Vorleser" ist kein leicht zu verdauender Film, denn er stellt sich
moralisch wie juristisch schwierigen Fragen. Dennoch ist er auch ein zarter und
gleichermaßen leidenschaftlicher Film, der mit großer Eindringlichkeit zeigt,
wie tief und weit Liebe gehen kann. Die Produktion nutzt eine elegante
Inszenierungsweise und sehr wirkungsvolle Bilder. Trotz der nicht ganz
unkompliziert ineinander verschlungenen Zeitebenen, gelingt es Daldry
dramaturgisch schlüssig und mitreißend zu erzählen. Neben der Liebesgeschichte
des jungen Michael Berg (David Kross) fasziniert vor allem die Bindung des alten
Protagonisten (Ralph Fiennes) an die, in Haft sitzende Liebe seines Lebens. Nur
über das Medium der Audiokassette und über weltbewegende Literatur wird hier
berührend vermittelt. Da der Film in Englisch gedreht wurde, ergeben sich in der
Originalfassung leicht verwirrende Sprachprobleme durch die unterschiedlichen
Akzente der überwiegend deutschen Schauspieler. In der deutschen Fassung stellt
dies kein Problem dar. Dennoch verwirrt, dass sämtliche Bücher und Handschriften
des in Deutschland spielenden Films in Englisch vorliegen. Hier hätte man etwas
geschickter vorgehen und dem englischsprachigen Publikum einen Tick mehr
Imaginationsgabe abverlangen können. Wie dem auch sei, "Der Vorleser"
hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck und hätte mit Sicherheit auch die, noch
vor Fertigstellung des Filmes verstorbenen Produzenten, Sydney Pollack und
Anthony Minghella, mit Stolz erfüllt.Fazit Ein ganz schön starkes Stück!
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