Der einsiedlerische Perfektionist Stanley Kubrick war vielleicht nicht sonderlich produktiv (er führte zwischen 1975 und 1999 lediglich bei drei Filmen Regie), aber seine Filme verstehen es, in das Bewusstsein der Öffentlichkeit vorzudringen. Im Falle von Shining aus dem Jahre 1980 ist es klar ersichtlich, dass Kubricks Film mehr kulturelle Resonanz hervorgerufen hat als Stephen Kings Bestseller, auf dem er basiert. Das Bild von Jack Nicholson, der sich mit einer Axt den Weg durch eine splitternde Tür bahnt und dabei "Hiiiiiiier ist Johnny!" brüllt, stellt nach wie vor einen der bemerkenswertesten Höhepunkte des Horrorkinos dar. Eine Miniserie aus dem Jahre 1997 folgte Kings Vorlage genauer, aber sie verblasst gegenüber den schaurigen Aspekten von Kubricks Interpretation.
Es handelt sich hierbei um eine grandiose Geschichte über ein Spukhaus, in der Nicholson seine Frau (Shelley Duvall) und seinen jungen Sohn zum abgelegenen Overlook Hotel bringt, wo er zwischen den Saisonzeiten als Hausmeister arbeiten will. Hier erleidet er einen psychologischen Zusammenbruch, der nicht nur auf einen Hüttenkoller zurückzuführen ist. Das Hotel besitzt eine gewalterfüllte Vergangenheit, die sich noch immer auf das Gebäude auswirkt, und während der junge Danny (Danny Lloyd) durch seine hellseherische Gabe namens "Shining" dieses erschreckende Erbe erkennt, verliert sich sein Vater in einem Zustand von mörderischer Psychose.
Kubrick vermeidet die Tradition billiger Schockeffekte der 80er-Jahre-Horrorfilme und entscheidet sich stattdessen für eine Studie über geistigen Verfall und den zeitlosen Mordimpuls - die technischen Innovationen des Films (darunter das sehr eindrucksvolle Bühnenbild und der bahnbrechende Einsatz der Steadycam) liefern eine zunehmend beunruhigende Verbindung von vergangenem und gegenwärtigem Schrecken. Es handelt sich bei dem Film eher um einen intellektuellen Horrorfilm als einen konventionellen Schocker, jedoch besitzt er noch immer eine verstörende Wirkung, und als sich der lächelnde Jack Nicholson in einen höhnisch grinsenden Killer verwandelt, reiht sich dieser somit in Kubricks Verbrecheralbum erinnerungswürdiger Filmbösewichte ein. --Jeff Shannon
Welche Gestalt nimmt das größte vorstellbare Grauen an? Ein Psychopath, der mit einem Knopfdruck den atomaren Holocaust auslöst? Oder erscheint es wie in Stanley Kubricks gespenstischen Meisterwerk als Mensch, der uns eigentlich lieben und beschützen sollte - als ein Mitglied einer Familie? Kubrick selbst hat an der Bearbeitung des Romans von Stephen King mitgearbeitet, und aus diesem Drehbuch schuf er mit starken Darstellern, unheimlichen Kulissen, traumhaften Fahraufnahmen und pausenlosen Schockeffekten einen makabren Meilenstein der Filmgeschichte.
Das Overlook-Hotel in den Bergen von Colorado wird wie jedes Jahr den Winter über geschlossen. Nur der für diese Zeit als Hausmeister engagierte Schriftsteller und ehemalige Lehrer Jack Torrance und seine Familie bleiben in dem Hotel zurück, eingeschneit und abgeschlossen von der Außenwelt.
Der Film beginnt mit einer rasanten Kamerafahrt, die Jack Torrance' Wagen durch die herbstliche Bergwelt auf dem Weg zum Overlook verfolgt. Im Dialog werden nun das Vorstellungsgespräch einerseits und die Situation bei Jacks Frau Wendy und seinem Sohn Danny andererseits gezeigt. Hierbei wird zum ersten Mal auch Tony, der kleine Mann, der in Dannys Kopf wohnt, vorgestellt. Tony spricht durch Dannys Mund und bewegt dessen rechten Zeigefinger, er sagt Danny, was geschehen wird. So zeigt er Danny und seiner Mutter Wendy, dass Jack die Stelle bekommen hat. Der Hoteldirektor Ullman verschweigt Jack nicht, dass Grady, ein früherer Hausverwalter, in einem Winter seine Frau, seine Töchter und sich selbst im Wahnsinn der Einsamkeit getötet hat. Jack erzählt, seine Frau liebe Horrorfilme und die Einsamkeit mache ihm und seiner Familie nichts aus. Er wolle ein Stück schreiben und die Einsamkeit sei genau richtig. Später bekommt Danny durch seinen imaginären Freind Tony Visionen aus dem Overlook (zwei ermordete Kinder, Ströme von Blut aus Fahrstuhltüren etc.), die Danny aber noch nicht zuordnen kann und ihm Angst machen.
Bei der Fahrt ins Hotel ist die Stimmung im Wagen locker und man spaßt miteinander. Im Hotel werden den Torrance die letzten Einzelheiten erklärt, während Danny in einem Aufenthaltsraum Dart spielt und dabei das erste Mal Zwillingsmädchen sieht, die plötzlich im Raum stehen.
Der Hotelkoch Hallorann zeigt Wendy und Danny die Küche und die Vorräte des Hotels und erkennt Dannys hellseherische Fähigkeit. Als er mit Danny allein ist, spricht er mit ihm über dessen Hellsichtigkeit, die er das Shining nennt. Unerwartet erwähnt Danny von sich aus das Zimmer Nummer 237 und fragt nach Geschehnissen, die in diesem Zimmer einmal stattfanden. Hallorann gibt keine Antwort und verbietet ihm, Zimmer 237 zu betreten.
Die nächsten Abschnitte des Filmes, der in einzelne Akte (oder Kapitel) eingeteilt ist, zeigen, wie die Familie nach und nach zerbricht und wie das Hotel Besitz von Jack ergreift. So eskalieren die kleinsten Streitereien der Eltern bereits nach kurzer Zeit und lediglich Dannys Anwesenheit verhindert zunächst Schlimmeres. Jack verweilt bei einem seiner Kontrollgänge in der Hotelbar, der Colorado-Lounge, und bestellt beim plötzlich hinter der gefüllten Bar stehenden Barkeeper Lloyd einen Drink. Währenddessen hat Danny immer mehr mentale Begegnungen mit der Vergangenheit des Hotels: Mehrfach stehen die toten Zwillinge vor ihm und fordern ihn auf, mit ihnen zu spielen und zwar für „immer und immer und immer“. Erneut sieht er Blut aus den verschlossenen Fahrstuhltüren quellen, welches die Gänge überflutet. Kurz darauf betritt Danny das von Hallorann verbotene Zimmer, während seine Eltern im Untergeschoss streiten. Auslöser für den Streit war Wendys Anwesenheit in Jacks Arbeitszimmer. Danny kommt mit Würgemalen am Hals zu seinen Eltern zurück und Wendy vermutet, Jack sei dafür verantwortlich. Als Jack das Zimmer untersucht, in dem laut Danny das Unheil geschah, entdeckt er in der Badewanne eine nackte junge Frau. Diese steigt aus der Wanne und umarmt und küsst den verwunderten Jack. Während des Kusses sieht Jack im Spiegel des Badezimmers, dass er eine alte, in der Verwesung befindliche Frau in den Armen hält. Er flüchtet aus dem Zimmer, verschweigt das Erlebnis gegenüber Wendy und verdächtigt sie, Danny gewürgt zu haben.
Der Höhepunkt des Filmes beginnt damit, dass Jack in der Colorado-Lounge vom inzwischen erschienenen Grady den Auftrag erhält, seine Familie zu bestrafen, da diese das Hotel verlassen wolle. Jack verspricht es. Als Wendy Jacks Manuskript liest, stellt sie fest, dass er auf hunderten von Seiten ein (englisches) Sprichwort ständig wiederholt hat: „All work and no play makes Jack a dull boy“ (in der deutschen Fassung: „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“). Jack überrascht sie dabei und beginnt sie zu bedrohen. Es gelingt Wendy, Jack mit einem Baseballschläger bewusstlos zu schlagen und in die Vorratskammer zu sperren, aus der er später von Grady befreit wird. Danny hat derweil Hallorann über das Shining gerufen und dieser macht sich auf den Weg zum Overlook. Da Jack alle Kommunikationsmittel und die Schneeraupe unbrauchbar gemacht hat, müssen Wendy und Danny vor Jack innerhalb des Hotels flüchten. Jack ermordet den zur Hilfe gekommenen Hallorann und folgt dem fliehenden Danny in den hoteleigenen Irrgarten. Durch eine List mit seinen Spuren im Schnee kann Danny Jack auf eine falsche Fährte locken. Wendy und ihr Sohn Danny fliehen daraufhin mit dem Snowcat, mit dem Hallorann zuvor gekommen war, von der Hotelanlage. Jack erfriert derweil im Irrgarten - den wirren Blick nach oben gerichtet. Das Schlussbild zeigt Jack auf einer Fotografie aus den 1920er Jahren als Hausmeister inmitten einer feiernden Menge in der Colorado-Lounge.
Bereits die aus einem Hubschrauber gefilmte Eingangssequenz, welche die Fahrt eines Volkswagen durch die erhabene herbstliche Bergwelt des GlasierNationalparks in Montana verfolgt und durch das mit Synthesizern verfremdete mittelalterliche Dies irae-Thema untermalt wird, wirkt beeindruckend und bedrohlich zugleich. Material dieser Sequenz wurde auch für die auf Wunsch des Studios kurzfristig hinzugefügte Endszene von Blade Runner in dessen 1982er Kinoversion verwendet.
In einer Schlüsselszene entdeckt Wendy, dass ihr Mann, der angeblich ein Buch schreiben wollte, monatelang immer nur ein einziges Sprichwort auf der Maschine getippt und damit Hunderte von Blättern gefüllt hat: All work and no play makes Jack a dull boy – Arbeit allein macht auch nicht glücklich (wörtlich: „Nur Arbeit und kein Spielen macht Jack zum langweiligen Jungen.“). Diese Szene wurde von Stanley Kubrick mehrsprachig gedreht, nämlich zusätzlich auf deutsch (Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen), italienisch (Il mattino ha l’oro in bocca – Morgenstund hat Gold im Mund), französisch (Un «Tiens» vaut mieux que deux «Tu l'auras» – sinngemäß: Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach) und spanisch (No por mucho madrugar amanece más temprano – Auch wenn man früher aufsteht, wird die Sonne nicht früher aufgehen). Obwohl das DVD-Format unterschiedliche Bildschnitt-Fassungen pro gewählter Sprache technisch unterstützt, ist auf der DVD-Ausgabe für den deutschsprachigen Raum nur die Sequenz mit dem englischen Satz enthalten.
Eine der eindringlichsten Szenen des Filmes folgt direkt im Anschluss. Erbost über die Störung durch seine Frau Wendy redet Jack vorwurfsvoll auf sie ein und geht dabei ständig auf sie zu. Seine Frau weicht zurück und wehrt sich nur mit dem Schwingen eines Baseballschlägers, den sie bei sich trägt. Trotz ihrer offenbar besseren Bewaffnung hat der Zuschauer nie das Gefühl, sie könnte sich damit der Bedrohung ihres Mannes erwehren.
Kubrick setzt andere Schwerpunkte als die Literarische Vorlage. Die Vorgeschichte von Jack Torrance, der als Lehrer gescheitert ist, wird weitgehend ausgeblendet, der Zusammenhang zwischen dem Alkohol und seinem Wahnsinn nur angedeutet und aus den zu Tierfiguren gestutzten, scheinbar lebendig werdenden Hecken wurde im Film das Labyrinth.
1997 wurde in den USA der Roman in der vierteiligen Serie The Shining für das Fernsehen unter der Leitung von Stephen King neu verfilmt, der sich mehrere Male sehr unzufrieden über die Verfilmung durch Stanley Kubrick äußerte, da King der Ansicht war, durch Nicholsons Spiel werde die eigentliche Hauptperson, das Hotel, verdrängt. Diese Neuverfilmung ist somit die einzige von Stephen King autorisierte Fassung. Die Mehrzahl der Kritiker hält allerdings Kubricks Version für die bessere.
Ursprünglich hatte Kubrick alternativ die Verfilmung einer anderen literarischen Vorlage erwogen, den Roman The Shadow knows von Diane Johnson. Nachdem er sich für Shining entschieden hatte, aber einen ersten Drehbuchentwurf von Stephen King abgelehnt hatte, beteiligte Kubrick stattdessen Diane Johnson, von deren Werk er beeindruckt war, an der Drehbucharbeit zu seinem Film.
Stanley Kubrick sagte in einem Cinema-Interview: „In meinem Film gibt es keine knarrenden Türen, keine Gerippe, überlange Schatten oder andere melodramatische Horroreffekte. Der Film erzählt ganz einfach die Geschichte einer Familie, die langsam in den Wahnsinn treibt.“
Die US-Fassung ist eine gute halbe Stunde länger als die europäische, die von Kubrick selbst gekürzt wurde. Sie konzentriert das Augenmerk auf die Vorgeschichte, die Visionen des Torrance-Sohnes und zeigt tatsächlich mit Spinnweben verhangene Skelette. Auch sind die Einteilungen (‚Mittwoch‘…) feiner.
Shining enthält eine der am häufigsten gedrehten Szenen der Filmgeschichte: Die Szene, in der Wendy und Danny ins Badezimmer flüchten, und Jack sie mit der Axt verfolgt. Nachdem Jack das wohl bekannteste Zitat des Films sagt („Hier ist Jacky!“, im Original „Here is Johnny“; übrigens in Anspielung auf Johnny Carson und mit der Axt die Tür einzuschlagen beginnt (im Buch ist es ein Roqueschläger), schreit Wendy in Panik um ihr Leben. Diese Einstellung musste, nach Kubricks eigenen Aussagen, 127 mal gedreht werden, und steht damit bis heute im Guinness - Buch der Rekorde als die am meisten wiederholte Szene in der Geschichte des Filmdrehs.
Nur an der Oberfläche ein effektvoller Horrorthriller, ist der Film eine virtuos inszenierte Studie über die Wechselwirkung von Wirklichkeit und Schein, Realität und Illusion, über die traumatischen Abgründe, die sich jenseits des gesunden Menschenverstandes auftun. Die konventionelle Fabel ist der Anlass für eine suggestive Symphonie des Schreckens, die den Zuschauer in seinen Genreerwartungen bestätigt und seinen Blick jedoch zugleich in die Irre führt.“
The Shining‘ beginnt mit einer Fahrt ins Blaue, ins schier Übermächtige einer von heller Sonne umstrahlten Bergwelt. Eine realistische und doch zugleich illusionäre Welt. Nicholson tritt auf, als freundlicher, ruhiger Familienvater, als angehender Schriftsteller, der für ein halbes Jahr mit seiner Familie die Ruhe sucht. Kubrick durchbricht sehr schnell diese Illusion, die auch für den Betrachter von Beginn an brüchig ist. Die hellseherischen Fähigkeiten von Danny (exzellent gespielt von Danny Lloyd) paaren sich mit dem Blutrausch, der das Leben aus dem Hotel verbannt. Der aus einer penibel geschnittenen Hecke konstruierte Irrgarten vor dem Hotel wird zum Sinnbild der Angst, des Schreckens, der Verfolgung und der Ausweglosigkeit. Die Phantasien Dannys, Jacks und Wendys vermischen sich mit der Realität, die Grenzen von Trauma und Wahnsinn hier, von für einzig fassbar, greifbar Gehaltenem dort verschwimmen, die Zeitebenen geraten völlig durcheinander.“
„Perfektionist Kubrick soll einzelne Szenen bis zu 148 Mal wiederholt haben. Es hat sich gelohnt: "Shining" wurde ein nervenzerrendes Meisterwerk. Fazit: Grusel mit Grandezza: ein wahrer Meilenstein“
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